Minestrone statt Mitleid

Ehrenamtliche versorgen täglich 120 Gäste beim Mittagstisch St. Michael – für einen Tag packen Tageblatt-Chefredakteur und DT-Intendant mit an

Göttingen. Wenn das Glockenspiel von Big Ben ertönt, ist es Zeit für die letzten Vorbereitungen beim Mittagstisch St. Michael. Die Klingel kündigt mit der berühmten Tonfolge an, dass die Helfer der Tafel mit dem Hauptgericht vor der Lieferantentür stehen. 25 Liter Minestrone sind es an diesem Donnerstag, gespendet aus einer Großküche. Die Gemüsesuppe soll die Menschen wärmen, die ein Lebensmitteleinkauf im Supermarkt oder der Besuch eines Imbisses vor ernsthafte finanzielle Probleme stellt. 120 Portionen Mittagessen gibt es mittlerweile täglich, vor vier Jahren kamen die ehrenamtlichen Helfer noch mit 50 aus.

An der kirchlichen Einrichtung an der Turmstraße lässt sich eines ganz klar sehen: Es gibt immer mehr arme Menschen in Göttingen. Wie sie durch das soziale Netz und in die Armut gerutscht sind, ist hingegen unterschiedlich. Suchterkrankungen sind ein Faktor, Depressionen und andere psychische Krankheiten ein anderer.

Ein dritter: Geringe Renten für Frauen, die statt eines Berufes unbezahlter Erziehungsarbeit zu Hause nachgingen. Aber es gibt noch viele mehr.

Armut in Göttingen: Berufsunfähigkeit oder kleine Rente

An einem der Tische sitzen sich an diesem Mittag zwei Männer gegenüber. Der eine ist Diplom-Sozialwirt, entsprechend akademisch ausgebildet, war 35 Jahre lang berufstätig. Dann kamen ein Schlaganfall und die Berufsunfähigkeit. Seitdem muss er sparen. „Lebensmittel sind teurer geworden, Imbissbesuche erst recht.“

Sein Gegenüber trägt einen Irokesenschnitt und sagt: „Ich bin einfach nur arm.“ Ohne das Mittagessen für kleines Geld wäre er Mitte des Monats komplett pleite, sagt er. Und er habe nicht einmal einen Herd in seiner Wohnung, auf dem er sich selbst etwas Warmes zubereiten könnte, wenn er sich die Nahrungsmittel leisten könnte.

Beide sagen über den Mittagstisch: „Das Essen schmeckt hier immer gut.“ Das bestätigen auch weitere der Gäste, die zum großen Teil beinahe täglich um 12 Uhr zur Ausgabe kommen. Nicht nur das Mittagessen vor Ort hilft ihnen, sondern auch die Pakete zum Mitnehmen. Das alles ist nur möglich durch viele ehrenamtliche Helfer in der Küche und an der Ausgabe, im Sortierraum und dem Lager. Marion Marx steht an diesem Tag am Fenster der Ausgabe, gibt jedem seine Portion Suppe und Brot, auf Wunsch auch Salat, Bananenmilch und süße Backwaren. „Heute haben wir viel Kuchen bekommen und frisches Obst, sonst haben wir meistens Joghurt mit Früchten da“, sagt sie. Die Spenden kommen von der Tafel Göttingen, aus fünf Großküchen der Region und teilweise auch von Privatpersonen.

Möglich ist der Mittagstisch aber nur durch die vielen Ehrenamtlichen wie Marx, die hier 365 Tage im Jahr ab 10 Uhr morgens Lebensmittel sortieren und portionieren, zwischendurch Geschirr spülen und Essenspakete zum Mitnehmen schnüren. Da ist Christine, die vor dem Einlass bereits 120 Tüten mit Weihnachtsgeschenken gepackt hat: Schal, Mütze oder Handschuhe ergänzt sie mit Lebkuchen und Süßigkeiten als kleines Präsent. Ihren Nachnamen will sie nicht nennen – „man hilft lieber im Verborgenen“.

Martina Resch packt im Nebenraum Aufschnitte in kleine Folienpakete, die die Gäste nach dem Essen für abends mitnehmen können. Seit 14 Jahren hilft sie fünfmal pro Woche mit. Djima Koffi kam für sein PhD-Studium in den Agrarwissenschaften nach Göttingen und ist immer donnerstags in der Turmstraße, an diesem Tag packt er Brötchen ab. Und mittendrin stehen Tageblatt-Chefredakteur Frerk Schenker und Erich Sidler, Intendant des Deutschen Theaters Göttingen, und füllen Kartoffelsalat in 120 Behälter, für jeden Gast soll einer bereitstehen.

Wetteinsatz: Erich Sidler und Frerk Schenker helfen mit

Der Tag als Ehrenamtliche beim Mittagstisch war ihr Wetteinsatz bei der Gala zugunsten der Tageblatt-Weihnachtshilfe „Keiner soll einsam sein“. Weil die Spenden höher ausfielen, als von beiden vorausgesagt, stellen sie sich der Aufgabe.

Nach ihrem Einsatz im vergangenen Jahr bei der Bahnhofsmission kann Sidler bereits vergleichen: „Dort hatten wir viel mit älteren Menschen zu tun oder Menschen, denen es an Orientierung mangelte.“ Beim Mittagstisch kämen sehr unterschiedliche Menschen zusammen, die alle bedürftig seien.

Mit Blick auf all das Gemüse, das man noch gut essen kann und anderswo im Müll gelandet wäre, sagt Sidler: „Hier stellt sich die Frage, wie wir als Gesellschaft mit Lebensmitteln umgehen.“ Der Theaterchef weiß, wie wichtig der soziale Zusammenhalt ist und dass Institutionen wie diese nicht wegzudenken sind. „Anlaufstellen wie diese sind extrem wichtig.“

Schenker betont, wie wichtig das ehrenamtliche Engagement der Helferinnen und Helfer ist. „Es ist schön zu sehen, wie viele Menschen sich hier und auch an anderen Orten Göttingens einsetzen, damit weniger Menschen Not leiden müssen.“ Dann muss er weitermachen – an der Spülmaschine gibt es Bedarf, das Geschirr muss für die nächsten in der Warteschlange gereinigt werden.

Hand in Hand arbeitet das Team auf engem Raum, jeder Griff sitzt. Trotzdem strahlen sich die Helfer untereinander an und haben auch immer ein paar Worte für die Gäste parat. „Ich freue mich jeden Tag, wenn ich aufs Fahrrad steige, um hierher zu fahren“, sagt Marx. Denn der Mittagstisch und seine Gäste, das sei etwas „ganz Besonderes“.


Quellenangabe: Göttinger Tageblatt vom 21.12.2024, Seite 12
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